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Kleine, große Bühne der Literatur: Der Hausacher LeseLenz - Eine außergewöhnliche Veranstaltung, die zusehends an Bedeutung gewinnt, stellt der Hausacher LeseLenz dar, ein literarisches Highlight im Frühjahr
Im Jahr 2000 war Joachim Sartorius zu Gast beim Hausacher LeseLenz. In einem Interview, das er seinerzeit der Mittelbadischen Presse gab, antwortete er auf die Frage, welche Bedeutung literarischen Veranstaltungen wie dem Hausacher LeseLenz in der deutschsprachigen Literaturlandschaft zukämen: „Solche Ideen sind toll. Ich habe dem Veranstalter, José Oliver, geraten, den LeseLenz weiter auszubauen. Er hat das Potenzial, sich international zu entwickeln. In Großstädten gehen Poesiefeste fast unter.“
Namhafte Autorinnen und Autoren, bekannte Stimmen der Literatur, aber auch weniger etablierte Schriftsteller aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, Italien und Belgien, aber auch aus Indien und Ägypten, den USA und Nigeria sind in den vergangenen Jahren der Einladung nach Hausach gefolgt. Erwähnt seien Friederike Mayröcker, Robert Schindel, Gert Jonke, Ilma Rakusa, Peter Härtling, Martin Walser, Elisabeth Borchers, Lars Brandt, Peter Bichsel, Lutz Seiler, Raphael Urweider, Barbara Köhler, Elke Erb, Silke Scheuermann, Colum McCann, Chimamanda Ngozie Adichie. Und viele andere.
Regelmäßig sind auch Chamisso-Preisträgerinnen und –Preisträger zu Gast, und mit Ilija Trojanow wurde eine neue Reihe etabliert: „Vielstimmiges Afrika“. Jedes Jahr stellt er eine Autorin, einen Autor aus Afrika vor.
Da eine großstädtisch angelegte kulturelle Infrastruktur in Hausach nicht gegeben sit, werden alljährlich ungewöhnliche Orte der Begegnung im und durch das geschriebene Wort für die Gäste „entdeckt“ oder neu „erfunden“: öffentliche Lesungen und Gespräche in Umgebungen und auf „Bühnen“, die im Alltäglichen des Schwarzwaldortes in der Regel anderweitig genützt werden. Eine Lesung im Autohaus, im Gewächshaus einer Gärtnerei, im mittelständischen Handwerksbetrieb oder Veranstaltungen in Hausacher Gaststätten und Restaurants, die „Bücher“ – im wirklichsten Sinne des Worte – „zu Tisch bitten lassen“.
Der Phantasie ist auch in der Wahl der Orte keine Grenzen gesetzt.
Den Schülerinnen und Schülern der Schulstadt Hausach gilt ein besonderes Interesse der Veranstalter. Deshalb ist der öffentliche Auftritt der Schriftstellerinnen und Schriftsteller immer auch gepaart mit der Möglichkeit, an den drei Hausacher Bildungseinrichtungen Schullesungen und Literatur- oder Schreibwerkstätten abzuhalten. Und so blieb es nicht aus, dass schon bald nach den positiven Erfahrungen im Umgang mit der Vermittlung zeitgenössischer Literatur an den Schulen auch die ersten Veranstaltungen in den Kindergärten stattfanden.
Neben den literarischen Gästen aus der Ferne ist man auch immer wieder darum bemüht, Künstler aus Hausach selber, der näheren Umgebung oder der Region und aus ganz Baden-Württemberg mitwirken zu lassen.
Die gattungsübergreifenden Kunstereignisse, die sich im Rahmen des Hausacher LeseLenzes aus der Literatur ins Theater spielen, bisweilen die Musik in den Dialog mit der Sprache bringen oder aber die Bildende Kunst animieren, sich vom geschriebenen oder gesprochenen Wort inspirieren zu lassen, dürfen natürlich nicht unerwähnt bleiben. Auch sie bilden einen festen Bestandteil in der Durchführung des Festivals der Worte im Mittleren Kinzigtal.
Es ist ob der Vielgesichtigkeit dieser Literaturtage nicht übertrieben, wenn behauptet wird, dass die literarischen Gäste jedes Jahr ein Sprachangebot entfalten, das nicht nur vom Kindergartenalter aufwärts alle Alterstufen erreicht, vielmehr ist der Hausacher LeseLenz ein Synonym geworden für Literaten und Literaturen, die in einem mannigfaltigen Dialog stehen.
www.leselenz.de
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José F.A. Oliver
Andalusischer Herkunft, wurde 1961 in Hausach im Schwarzwald geboren und lebt hier als freier Schriftsteller. Für seine dichterischen Arbeiten erhielt er u.a. 1989 das Literaturstipendium der Kunststiftung Baden Württemberg e.V. und 1994 das Aufenthaltsstipendium der Berliner Senats im Literarischen Colloquium Berlin. 2001 war er Stadtschreiber in Dresden. 2002 Gastprofessor und writer-in-residence am MIT in Cambridge, Mass. 2004 Stadtschreiber in Kairo. 2007 Chamisso-Poetik-Dozentur an der TU Dresden. 1997 ist er mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet worden. 2007 erhielt er den Kulturpreis des Landes Baden-Württemberg. Jüngste Publikationen: Unterschlupf, Gedichte (Suhrkamp 2006) und Mein andalusisches Schwarzwalddorf, Essays (Suhrkamp, 2007).
Aktuellste Auszeichnung: „Thaddäus-Troll-Preis“ verliehen vom Förderkreis Deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg im Herbst 2009
„Wer im heutigen Gedicht nach Musik, nach Lust am sprachlichen und formalen Experiment, nach Übereinstimmung von Atem und Bild, nach Lautkristallen sucht, wird hier reichlich belohnt.“ Joachim Sartorius, Süddeutsche Zeitung
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Der nomadische Heimatdichter Einige Gedanken anlässlich des Erscheinens von „Mein andalusisches Schwarzwalddorf“
Es ist ein Ereignis, wenn ein erwiesener Lyriker seinen ersten Prosaband veröffentlicht. Zumal José Oliver nicht nur einer unserer beseeltesten Lyriker ist, sondern zur Sprache eher wortnahe als satznahe steht. Wie wird ein solcher Dichter mit der verschwenderischen Ökonomie der Prosa zurechtkommen, mit den vielen Füllsätzen, die der Statik einer Erzählung dienen, mit den narrativen Kompromissen, die ihm dabei aufgezwungen werden, kurz gesagt: wie wird er die Fehlerhaftigkeit dieser Form – denn einem Lyriker müssen solche Restriktionen als Mangel erscheinen – hinnehmen? José Oliver ist seinen eigenen Weg gegangen. Er hat sich der Prosa nicht angebiedert. Deshalb kommt es in diesem schmalen Band mit dem programmatischen Titel „Mein andalusisches Schwarzwalddorf“ auf jedes Wort an – diese Prosarien sind durch ein Gedichtnadelöhr eingefädelt.
Die Zwitterform ist vom Inhalt getragen, „In Bewegung: Ich. Dazwischen: Bewusstes.“ Dies benennt kurz und präzise das große Projekt von José Oliver: das Dazwischen sichtbar, spürbar und bewohnbar zu machen, das Dazwischen als eigentliche Heimat zu erschreiben. Und die Grundhaltung? „…eins mit mir im Widerspruch.“ Ein Widerspruch, darauf kann man nicht oft genug hinweisen, der vor allem von den Außenstehenden wahrgenommen wird. Er selber ist ins Widersprüchliche aufgewachsen: „Der alemannische Dialekt im ersten Stock, das Andalusische im zweiten. Dazwischen Treppenstufen ohne grammatikalisches Geschlecht.“
José Oliver ist der Mystiker dieses Dazwischens, dessen Existenz von manchen nicht erkannt und von anderen nicht akzeptiert wird, und deswegen muss er wie jeder Mystiker der Sprache zumuten, in das Neuland des bislang Ungesagten vorzudringen. Jedes Wort ist bei ihm zugleich maßgeschneidert und maßlos, klar wie ein Kristall, der einen Schatten Unverständlichkeit wirft, ein sich je nach Tagesblick verschiebender, veränderter Schatten. José Oliver hat Worte zugespitzt, damit sie neuen Boden abstecken, hat sie entfesselt, damit sie fliegen können, zwischen Andalucía und Schwarzwald, zwischen Lorca und Mayröcker, zwischen saeta und Fasent. Er ist ein Meister der Sprachschöpfungen, die einem so sehr einleuchten, dass man sich im Wortumdrehen fragt, wieso er sie erst zum Leben erwecken musste; Schöpfungen, die man nicht mehr missen möchte. Man kann inzwischen von einer oliveresken Sprache reden, intim anverwandelbar und unnachahmlich.
Der Titel verheißt Autobiografisches. Die Fotos verorten Heimat in jener „Landschaftsuhr, die den Menschen den Zeitmangel stundet“ sowie in der geheiligten Familie, ausgesetzt den vielen Zwängen des Aufzulesenden. Ob er von den 50qm spricht, in denen er mit seiner Mutter, seinem Vater und seinen Geschwistern groß geworden ist, oder vom einmillionsten Gastarbeiter, der misstrauisch lächelnd sein Moped in Empfang nimmt, José Oliver macht immer wieder nachfühlbar, nachspürbar, wie unsinnig die Diskurse über Anpassung und Multikulturalität ausfallen, weil sie von steifen Modellen reibungsloser Verzahnung ausgehen. Dabei verwandeln sich die gestikulierenden Hände der Realität schnell in „ausgesuchte Ohrfeigen der fremden Heimat.“ Verlust, Schmerz und Kampf sind Alltäglichkeiten eines Dialogs, der sich traut, Verwirrung zuzulassen, „Im vertrauten Trotz ein Fetzen Heimat.“ Fragwürdigkeit ist die einzige Leitkultur, positiv definiert, ernst genommene Momente des Stammelns und Stotterns. Ein jedes Wort in die Hand nehmen, abtasten, abklopfen. Nichts für gegeben und selbstverständlich erachten. Hier spricht „ein Kenner der heimischen Spielregeln, der zusehends außerhalb stand, je tiefer er in das Spiel hineinrutschte, der die Regeln beherrschte, um sie heute noch zu durchbrechen.“ Weise Worte jenseits aller Integrationsdebatten. Es war ein langer Weg, bis der Sohn von Gastarbeitern als andalusischer Hausacher die würdevolle Kultur seiner Eigenwilligkeit, sei sie „olivendunkel“ oder „rätselschämmig“, behaupten konnte, als Binsentraum … „aufgestaunt und eins mit einer Gegend, die ihn immer wieder wortgebiert.“ Bis er stolz schreiben konnte: „In jedem Fluss mündet ein Meer.“ Und eine Meerin und der Meer.
Diese biografischen Umspiegelungen werden selbst Freunde des Dichters von außerhalb Hausachs erstaunen, die wohl kaum geahnt haben, wie aktiv er an der Fastnacht partizipiert, wenn er sich nicht gerade in Kairo oder Havanna aufhält. Ja, José Oliver outet sich als Vedette der Schwarzwälder Schnurre, und als ein hochrangiger Funktionär der Narrenzunft. Und wenn er ein narrenschluchziges Schmettern wiedergibt, das von Maagepflaschter, Aktebäbber oder Sidebeeler spricht fühle ich mich lesend befremdeter, als wenn er Federico García Lorca zitiert, bei dessen Gedichten ich wenigstens weiß, wo ich Bedeutung nachschlagen kann. Der nomadische Heimatdichter José Oliver weiß genau, wie erfassbar uns die ganze Welt und wie unverständlich uns das benachbarte Tal erscheinen kann. Dies ist das Privileg großer Dichter.
Ilija Trojanow, Einführung zur Buchpremiere von José Oliver, „Mein andalusisches Schwarzwalddorf“ im Literaturhaus in Stuttgart, Frühjahr 2007.
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